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„… meinen Frieden gebe ich euch“

Die vier Glasfenster von Johannes Schreiter

von Theo Sundermeier

„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Joh. 14, 27).

Wir haben heute die große Freude, ja das besondere Vorrecht, vier Fenster von Johannes Schreiter, einem der weltweit bekanntesten Glasmaler, anzunehmen und zu einem Teil unserer Peterskirche und unseres gottesdienstlichen Lebens  zu machen. In der Universitätskapelle, wie diese südliche Seitenkapelle genannt wird, waren dem Künstler die Themen vorgegeben. Sie sollten sich auf das universitäre Leben und eben diese Kirche beziehen. So lautet das Thema des linken Fensters „Begegnung“. Das zweite greift das zentralste Thema unseres Glaubens auf, das auch auf dem Ölbild an der Altarfront thematisiert ist, die Auferstehung. Das rechte Bild, das an die dunkelste Zeit der Geschichte unserer Universität erinnert, die Vertreibung unerwünschter Dozenten und Professoren, weitet das Thema zugleich aus: „Vertreibung/Verfolgung“, und ruft damit in Erinnerung, dass das 20. Jh. das Jahrhundert der größten Christenverfolgungen aller Zeiten war. Für das vierte, gegenüberliegende Fenster hatte das Kapitel der Peterskirche dem Künstler keine Vorgaben gemacht, sondern nur den Hinweis gegeben, dass wir hier einen kleinen Raum der Stille und des Gebets schaffen möchten. So widmet er dieses Fenster dem „Frieden“.

Wie stellt der Künstler diese abstrakten Themen so dar, dass wir seinem Weg folgen, ihn verstehen und seine Sprache zu uns hin übersetzen können? Schreiter greift in seiner Kunst nicht auf vorgegebene Formen, Figuren und traditionelle christliche Symbole zurück. Er verwendet die Zeichensprache unserer modernen Welt und macht sie zum Medium, Transzendenz sichtbar zu machen, um Diesseits und Jenseits miteinander zu verbinden. So weist das immer wiederkehrende U-Zeichen auf den Menschen, der seine beiden Arme zu Gott oder zum Nächsten ausstreckt. Aber es kann auch für die Hände Gottes und sein Eingreifen in die Welt stehen! In der Farbwahl macht Schreiter freien Gebrauch von der seit dem Mittelalter gültigen Farbsymbolik, ohne sich daran zu ketten.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich einem Kunstwerk zu nähern; wir wählen die Farben, die uns mit ihrer intensiven Leuchtkraft unmittelbar in ihren Bann ziehen, den Sinngehalt der Fenster zu erschließen.

„Bilder sind eine Lebenshilfe, man soll sich ihrer bedienen“, sagt der Maler Gerhard Höhme in seinem künstlerischen Manifest (um 1960). „Bilder sind nicht auf der Leinwand, sondern im Menschen“. Darin hat er Recht; erst wenn sie tief im Herzen angekommen sind, haben sie ihr Ziel erreicht und können Lebenshilfe sein. Das gilt wie für alle großen Kunstwerke auch für Kirchenfenster. Aber Kirchenfenster haben noch einen anderen Sinn. Das Mittelalter hat früh die „Geistigkeit“ der körperlosen durchsichtigen Glasmaterie mit Hilfe des Neuplatonismus wahrgenommen. Kirchenfenster leben allein durch das Licht, das von außen scheint und sie zum Leuchten bringt. Darin sind sie Symbol des Glaubens und christlichen Lebens. Wir alle sind davon abhängig, dass das ewige Licht uns leuchtet. Erst wenn der Heilige Geist uns erleuchtet, eröffnet sich uns die Schönheit des Glaubens, können wir die Wirklichkeit der Welt unverstellt sehen.
Johannes Schreiter, dem wir diese ästhetisch wunderbaren, in ihrem Sinngehalt so vielschichtigen  Fenster verdanken, kennt den symbolträchtigen Wert der Kirchenfenster und weiß sich ihm verpflichtet. Er ist als Künstler und Christ davon überzeugt, dass das Licht, das durch die Fenster in unsere Herzen dringt, „erst zu erkennen sich gibt, wenn wir es innen verwandeln“ (Rilke). Seine Fenster verdichten dieses Licht auf eine eigentümliche Weise und wollen uns dahin führen, Gottes Licht inne zu werden.
Schreiters Fenster wollen von links nach rechts gelesen werden. Sie folgen im einzelnen Fenster wie in der Gesamtkomposition der Sonne, die täglich unseren Lebensweg von Ost nach West an den Himmel schreibt und uns an Ausgang und Ziel unseres irdischen Daseins erinnert.

Ein weißer, klarer, ununterbrochener Lichtbalken bildet den linken Rand des ersten Fensters links, von wo aus die drei Fenster zu lesen sind. Wie die erste Zeile über Sinn und Inhalt eines Gedichtes entscheidet, so ist auch dieser Anfang die thematische Ouvertüre des Gesamtentwurfes. Es wird der Beginn unseres Lebens thematisiert. Weiß ist die Farbe Gottes, des Heiligen Geistes und auch des Paradieses. Gott hat uns geschaffen, ihm verdanken wir unser Leben. Gottes Augen „sahen mich, da ich noch unbereitet war“, bekennt der Psalmist (Ps. 139, 16). Das sagt auch der Introitus dieses Fensters. Dass dieser Beginn unseres Lebens nicht einfach Zufall oder ein „Unglück“ ist, wird zusätzlich durch eine rote, die Liebe symbolisierende, breite, von oben nach unten geführte Farblinie unterstrichen. Wie mit einem doppelten Strich wird die Summe alles dessen, was in unserm Leben kommen mag, zusammengefasst: Keiner ist unter uns, der nicht aus der unendlichen Liebe Gottes durch seinen Geist geboren wurde und in seinem Leben tagtäglich erhalten wird. Ihn, den Heiligen Geist, bekennen wir im Nicänischen Glaubensbekenntnis als den, der uns täglich Leben schenkt, leiblich und geistlich! „Credo in Spiritum sanctum … vivificantem“. Das wird auf jedem Fenster dadurch wiederholt und verdeutlicht, dass ganz von oben eine weiße Leuchtbahn in die Fenster hineinreicht und  die Menschen (vgl. die U-Zeichen auf dem linken Fenster) erfüllt. Wenn sie mit seiner Kraft gestärkt sind, das zeigt das zweite Fenster, können sie sich ihm entgegen strecken. Dann können sie jubeln und auffliegen wie eine Lerche, die im Aufsteigen ihr Lied „in die Unsichtbarkeit wirft“ (Rilke). Im rechten Fenster dagegen begrenzt das Weiß die graue Todeszone und dringt wie mit Schwertes Schärfe tief in sie ein. Nun gilt: „die Finsternis ist wie das Licht“ (Ps. 139, 12).
Auf dem vierten Fenster wird das Weiß zur zentralen Farbe. Weiß signalisiert Reinheit, Frieden. Alle Friedensfahnen sind weiß. Der „Gott des Friedens“ (Röm. 15, 33), sagt das Fenster, will den Betern in der Kapelle den Frieden schenken, den er allein geben kann.

Grau ist die Gegenfarbe zum Weiß. Sie wechselt im mittleren Fenster zum dunklen caput mortuum (!), das jedoch bei Sonnenschein, wie von innen belebt, warm aufleuchtet. Im rechten Fenster, dem Thema „Verfolgung“ entsprechend, bekommt das Grau eine fast dominante Bedeutung, hat aber im Friedensfenster keinen Platz mehr.

Doch was bedeutet die Farbe Grau, die als Mischung aus Schwarz und Weiß etwas Ambivalentes in sich hat? Dominiert in ihr das Schwarz des Todes und spricht von der bleiernen Schwere, die uns lähmt, wenn Angst und Schrecken uns überfallen? Oder wird eher das Weiß betont, das auf die kommende Heilung, das neu erwachende Leben weist?

Das scheint mir im linken Fenster der Fall zu sein. Hier wird Begegnung durch jeweils zwei U-Zeichen dargestellt. Es sind Menschen, die aufeinander zugehen. Trotz der seriellen Form ist jede Begegnung einzeln und sehr unterschiedlich gestaltet: In einem Fall misslingt sie, die Menschen wenden sich voneinander ab. Im andern Fall gelingt sie und beide lernen voneinander. Der eine gibt von dem Rot seiner Liebe dem anderen und nimmt empathisch etwas von dem Schmerz und grauen Leid des anderen in sich auf. In einer dritten Begegnung werden beide vom Geist der Weisheit erfüllt und beglückt. Versöhnung findet statt. Begegnung, Lernen und Lehren, ist nie ein einseitiges Geschehen, sondern prägt und verändert beide. Das hat Johannes Schreiter, der als Professor an der Staatl. Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt intensiv mit seinen Schülern und Schülerinnen zusammenarbeitete, in seinem Leben vielfach erfahren. Unserer Universität will er durch dieses Fenster ins Stammbuch schreiben: Vergesst nicht, wie wichtig die Begegnung und der Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden ist. Sorgt dafür, dass nicht der tötende Buchstabe das Leben auslöscht, dass nichts, aber auch nichts Vorrang vor der lebendigen Kommunikation und Lehre bekommt. Dem lebendigen Geist ist diese Universität verpflichtet. Das Motto verweist auf den Geist, der allein lebendig macht, den Geist Gottes.

Ich weiß nicht, wem Johannes Schreiter in den Begegnungszeichen die graue Farbe zuordnet: Sind die weißen Zeichen die noch frischen, unverbrauchten Studierenden und wir Lehrenden die grau verkopften Theoretiker, denn grau ist alle Theorie? Ich traue Johannes Schreiter so viel Humor zu, dass er diese Zuordnung im Sinn hat. Eine versteckte Mahnung ist in seinen Werken öfters zu finden.
Aber das Begegnungsfenster hat es ja nicht nur mit der Universität zu tun. Es spricht auch von der Begegnung zwischen Christen und denen, die vom Grau des Alltags erstickt werden, und von der Begegnung mit denen, die nicht glauben oder fremden Glaubens sind. Hier sollen die Christen nicht ihr Licht unter den Scheffel stellen, ihren lebendigen Glauben nicht verbergen, sondern sich immer von dem Geist „begeistern“ lassen, von dem sie Leben und Licht empfangen. Wo dann die Begegnung gelingt und der Austausch zur echten Verbindung und Versöhnung führt, da ist die Liebe wirksam, da ist Christus mitten unter ihnen. Die Botschaft des Fensters wird in jenen zwei U-Zeichen zusammengefasst, die ganz vom Geist Gottes erfüllt sind. In ihnen leuchtet das Rotgold der Liebe auf und bildet ein Kreuz, das als Segenszeichen Gott und Mensch und den Menschen mit dem Nächsten verbindet.

Auf dem mittleren und vor allem auf dem Vertreibungsfenster wird noch einmal deutlich, wofür das Grau steht: Hier ist es das Drohschwarz der Gräber, dort charakterisiert es die Verfolger. Dramatisch wird unten im Fenster gezeigt, wie sie voll dunkler Wut erfüllt losstürmen, Menschen bedrohen und verfolgen, wie graue Mitläufer und Handlanger ihr Werk ausführen und nur wenige, gestärkt vom Geist der Wahrheit und Liebe, sich ihnen entgegenstellen oder Verfolgte zu  retten suchen. In der U-Zeichenreihe auf der linken Seite des Fensters deutet es die Menschen, die sich nicht entscheiden können, ob sie andere schützen, Widerstand leisten oder sich anpassen sollen. Sie sollten, so sagt es das mehrfach verteilte Rot, sich von ihrem Herzen und der Liebe leiten lassen. Dann werden sie das Rechte tun, denn „der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Röm. 8, 26). Daran wollen die farbgefüllten U-Zeichen auf diesem Fenster erinnern.
Doch noch einmal zurück zu dem zentralen Auferstehungsfenster. Hier wird das tödliche Braunschwarz des Grabes aufgebrochen. Bis tief in die dunkelste Ecke und Unterwelt hat sich die Liebe begeben. Sie geht nicht verloren. Sie zerbricht die Todesketten. Sie ist so stark, dass sie auch die schwarz umdrohten, grauen Gräber (rechts) aufzureißen und die dort Ruhenden dem Licht entgegen zu führen vermag. „Er reißet durch den Tod, durch Welt, durch Sünd, durch Not, er reißet durch die Höll, ich bin stets sein Gesell.“ Was Paul Gerhardt vor mehr als 400 Jahren in großer Bedrängnis gedichtet hat, wird hier sichtbar gemacht.

Im erwachenden Frühling, sagt einmal Rilke, „ist keine Stelle, die nicht trüge den Ton der Verkündigung“. Das trifft auch auf dieses Fenster zu. „Ostern, Ostern, Frühlingswehen, Ostern, Ostern, Auferstehen aus der tiefen Todesnacht“ singen wir und lassen uns durch das Erwachen in der Natur mit allen Sinnen an das Geheimnis unseres Glaubens, an Christi Auferstehung erinnern. Christus ist es, der uns mit hineinreißt in sein Leben, auch durch unsern Tod hindurch. Denn „wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit“ (Paul Gerhardt, Ev. Gesangb. 112). Darüber kann man nur in hellen Jubel ausbrechen. Wir dürfen uns an dem geschenkten Leben freuen und Gott preisen. „Rühmen, das ists“, denn „Hiersein ist herrlich“. Aber, so müssen wir mit Rilke bekennen, unser „Atem reicht für die Rühmung nicht aus“. Darum brauchen wir die Verstärkung durch solche Farbfenster. Der wundervolle Grundton dieser Fenster ist nichts als Rühmung, nichts als Jubel und drückt aus, was wir in Worte nicht fassen können: „Dass Gott bei uns schön werde“ und wir mit allen Sinnen, mit „Herzen, Mund und Händen“ ihn preisen und dabei auch das Auge nicht außen vor lassen.

Die Universitätskapelle ist im Krieg durch eine Bombe oder ein versehentlich abgeschossenes und fehlgeleitetes Geschoß getroffen und zerstört worden. Nur notdürftig wurde sie nach dem Krieg mit einer Betondecke repariert. Möglicherweise sollte später das gotische Gewölbe wiederhergestellt werden. Doch das Provisorium war endgültig, ein Makel ohne Erinnerungskraft. Doch jetzt, wenn die Sonne die Fenster aufleuchten läßt, wird der Raum in einen Farbklang getaucht, der die Decke unsichtbar macht. Es ist ein Farbklang, der unsere Herzen weitet und uns und den Raum zu einem Resonanzboden der ersehnten und erhofften kommenden Herrlichkeit macht. Wer vom Geist beseelt ist, sagt David, der „ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht am Morgen ohne Wolken, da vom Glanz nach dem Regen das Gras aus der Erde wächst“ (2. Sam. 23, 3f.). Wenn das Licht dieser Fenster aufleuchtet und uns umhüllt, läßt es uns etwas von dieser Schönheit spüren.
Doch was ist das für eine Farbe, die solche Wirkung hat? Die Grundfarbe aller Fenster ist nicht das helle Gelb der Sonne. Das erstrahlt nur an einigen wenigen Stellen im Maßwerk des Friedensfensters. Es ist auch nicht das Gold, wie es im Inneren des neuen Altars, des Ambos und des hohen Kreuzes im Altarraum der Peterskirche aufleuchtet. Dort weist uns  das Gold auf das Geheimnis Gottes, in dem es keinen Schatten und keine Dunkelheit gibt und der in einem Lichte wohnt, „da niemand zukommen kann“ (1. Tim. 6, 16). Nein, dieses Gold ist es nicht, eher eine Vorstufe von Gold. Die Grundfarbe ist ein Siena, die Farbe der Erde. Aber es ist auch etwas Gold in das erdene Siena gemischt. Nur darf es sich dort noch nicht entfalten. Das sagt: Wenn durch die Kraft des Sonnenlichts diese Farbe uns umhüllt, sind wir noch nicht im Paradies, aber eine erste Ahnung von der goldenen Stadt, vom himmlischen Jerusalem, dürfen wir in diesem Lichtraum erahnen.

Dass wir mit diesen Überlegungen uns in den Sinnspuren von Johannes Schreiter bewegen, macht das Friedensfenster in der Gebetskapelle deutlich. Hier geht der sienabraune Goldton in reines Gold über und verdichtet sich unten zu einem Tisch. Wie bei dem Entwurf zum Weltvollendungsfenster im Ulmer Münster – dort jedoch oben unmittelbar unter dem Maßwerk, aber auch getragen vom Weiß des Friedens – steht hier der goldene Tisch für das himmlische Jerusalem. Nun ist es uns ganz nahe, gleichsam in Augenhöhe: „Siehe da, die Wohnung Gottes bei den Menschen“ (Offb. 21, 3). Wir sind eingeladen, an dem Festmahl im himmlischen Reich teilzunehmen. Das Friedensfenster will unsere Hoffnung stärken. Weil wir durch Christus Frieden haben mit Gott, sagt Paulus, rühmen wir „uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit“ (Röm. 5,1f).
Wir haben uns über die Farben der Fenster einen Zugang zum Sinn und zur Botschaft der Fenster geben lassen. Das ist eine Möglichkeit, sich den Fenstern verstehend zu nähern. Es gibt andere Zugänge. Die dürfen und sollen auch beschritten werden. Wir alle haben nun Woche für Woche Zeit, uns an der Schönheit der Fenster und ihrer vollkommenen Form zu erfreuen, ihre Botschaft zu lesen und im Innern in das Eigene zu verwandeln.

Es gibt noch sehr viele Details, die ich nicht erwähnt habe und die noch der Entdeckung und Entschlüsselung harren. Auf eines aber will ich abschließend aufmerksam machen. Schreiters Fenster sind durch Bleiruten gekennzeichnet. Sie sind seine Erfindung. In den traditionellen Glasfenstern trennen Bleirahmen Bilddetails voneinander und halten das Fenster zusammen. Hier führen sie ein eigenes Leben. Sie steigend jubelnd auf, werden gebrochen, verfehlen ihr Ziel, sind verwundet. Sie sind so etwas wie die Adern der Fenster, „Adern voll Dasein“ (Rilke), Adern voll Dasein unsres Lebens. Wir können uns in ihnen in unseren Lebensläufen wiedererkennen: unser gelingendes Leben und die Gefährdungen, unser Rühmen und unser Versagen, unsere Wunden und das Getragenwerden. All das ist in die verschiedenen Ruten eingewoben. Diejenigen nun, die zum Gebet und zur Einkehr sich in der kleinen Kapelle niederlassen, können etwas von ihrem Leben in der in Schwermut niedergebeugten, verletzten und verletzbaren Bleirute ganz unten im Fenster wiederfinden. Sie sollen wissen, dass gerade die Niedergetretenen und Ausgestoßenen, die an ihrer Lebenslast und ihrem Leid zerbrechen, zum Tisch des Herrn und zu seinem Freudenmahl geladen sind. Sie dürfen die Stimme Jesu hören: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will ich euch erquicken“ (Mt. 11, 28). „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch“ (Joh. 14, 27).

Diese Predigt wurde im Semesterschlussgottesdienst am 23. Juli 2006 in der Peterskirche gehalten. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst durch das Bläserensemble der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Heidelberg, das Werke von G. F. Händel musizierte. Während der Kommunion wurden Werke von G. P. Telemann für zwei Flöten und Orgel aufgeführt.
In diesem Gottesdienst wurden die vier neuen Glasfenster von Johannes Schreiter der Öffentlichkeit vorgestellt und gottesdienstlich in Gebrauch genommen. Gleichzeitig wurde das Gedenkbuch der Universitätsgemeinde in der Universitätskapelle, in der drei der vier Schreiterfenster sind, durch den Rektor der Universität Heidelberg ausgelegt. Das Gedenkbuch korrespondiert mit den Themen der Kirchenfenster und beschreibt die Universitätsgeschichte auch aus dem Blickwinkel gelungener Begegnungen – beginnend vom Frühhumanismus bis ins 20. Jahrhundert – und gescheiterter Begegnungen, Vertreibungen und Verfolgungen; dabei werden Namen und Biographien vertriebener Professoren und Dozenten, nicht zuletzt diejenigen der jüdischen Kollegen, die seit 1933 vertrieben wurden, aufgeführt. Die Universitätskapelle ist nun ein Ort des Gedenkens und Grenzen überwindender neuer Begegnungen.


 
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