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100 Jahre Universitätsgottesdienst in der Peterskirche

Prof. Dr. Adolf Martin Ritter, Heidelberg

Am 27. März dieses Jahres [1996] jährte sich zum hun­derts­ten Male der Tag, an dem ein Vertrag zwi­schen der Ruprecht Karls Universität (ver­tre­ten durch Prorektor H. Bassermann) und der evan­ge­li­schen Kirchengemeinde Heidelberg (ver­tre­ten durch Stadtpfarrer W. Hönig) unter­zeich­net wurde. Danach stellt „die evan­ge­li­sche Kirchengemeinde Heidelberg … der Universität zur Abhaltung ihrer Universitäts– und Seminargottesdienste die heizbar gemachte Peterskirche nebst Orgel und Glocken zur Verfügung“. Die Gottesdienste dürfen ab 11.00 Uhr an allen Sonn– und Feiertagen statt­fin­den, mit Ausnahme solcher, an denen größere (und darum sich länger hin­zie­hende) Abendmahlsfeiern in den Heidelberger evan­ge­li­schen Kirchen statt­fin­den. Die Universität bestellt und hono­riert Organisten, Blasebalgtreter und Läutepersonal. Der Kirchendiener der nahe­ge­le­ge­nen Providenzkirche amtiert gegen beson­dere Vergütung auch in der Peterskirche. Das Klingelbeutelopfer (heute Opfer am Ausgang) wird dem Lokalkirchenfonds zuge­führt. Fällt der Universitätsgottesdienst auf einen Sonn– oder Festtag, „an welchem in der Gemeinde (heute Kirchenbezirk) eine Kollekte erhoben wird, so wird diese auch im Universitätsgottesdienst erhoben und an die Gemeinde abge­lie­fert“. Weitere Bestimmungen betref­fen die Heizung, die Wartung der Orgel und die Reinigung der Kirche[1].

Dieser Vertrag ist zwar im Laufe der Zeit noch mehr­fach ver­än­dert worden[2], nicht zuletzt deshalb, weil neue Benutzer wie das Kirchenmusikalische Institut (KI) und die Evangelische Studentengemeinde (ESG) berück­sich­tigt werden mußten; nach Querelen über die Anschaffung einer neuen Orgel zwi­schen dem dama­li­gen KI (heute Hochschule für Kirchenmusik der Ev. Landeskirche in Baden) und dem Universitätsmusikdirektorat (inzwi­schen nicht mehr exis­tent) ist er gar Mitte der 80er Jahre vom Evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe (als Vertreter des Unterländer Ev. Kirchenfonds) gekün­digt worden, so daß seit län­ge­rem ein ver­trags­lo­ser Zustand herrscht. Das alles ändert aber nichts daran, daß es seit der Vertragsschließung vom 27.3.1896 in der (nun heiz­ba­ren) Peterskirche sommers wie winters regel­mä­ßi­gen Universitätsgottesdienst gibt.

Vorausgegangen war diesem Vertragsabschluß im Jahre 1838 eine Vereinbarung zwi­schen der Ev. Kirchengemeinde Heidelberg und der Direktion des im Januar des­sel­ben Jahres „bei“ der Heidelberger Universität errich­te­ten „evan­ge­lisch pro­tes­tan­ti­schen Prediger Seminars“ (heute Praktisch-Theologisches Seminar)[3], wonach während des Semesters jeden Sonntag nach dem Gemeindegottesdienst um 11.00 Uhr ein Universitäts– oder Seminargottesdienst abge­hal­ten werden kann, und zwar sommers über in der Peterskirche, im Winter dagegen in der Providenzkirche, weil erstere nicht beheiz­bar war. Da jedoch die Providenzkirche für Gemeindezwecke dring­lich benö­tigt wurde (es ist von 500 600 Besuchern im Gottesdienst und meh­re­ren hundert Kindern im Kindergottesdienst die Rede), schlug der Ev. Kirchengemeinderat in einer Eingabe an den Engeren Senat der Universität vom 16.5.1895 vor, die Peterskirche mit Unterstützung der Universität heizbar zu machen und sie ganz – außer an Festtagen (an denen sie für gemeind­li­che Zwecke gebraucht wurde) – der Universität zur Verfügung zu stellen. So wäre dem Universitätsgottesdienst „in der St. Peterskirche, welche von jeher in einer inneren Beziehung zur Universität stand, eine sichere und schöne Stätte ange­wie­sen, in welcher er nach keiner Seite hin beengt und gestört wäre“[4]. Der Senat machte sich diesen Vorschlag zueigen; auch das zustän­dige Ministerium in Karlsruhe erklärte sich ein­ver­stan­den und bereit, sich an der Heizbarmachung der Kirche im fol­gen­den Haushaltsjahr mit einem grö­ße­ren Betrag zu betei­li­gen. So stand dem Vertragsabschluß im März 1896, nach Einverständniserklärung des Ministeriums der Justiz, des Kultus und Unterrichts vom 14.2.1896, nichts mehr im Wege.

In der Zeit vor dem 2. Weltkrieg war es jeweils der Inhaber des prak­tisch theo­lo­gi­schen Lehrstuhls, der als Universitätsprediger in der Regel die Universitätsgottesdienste selbst zu halten hatte; dazu trug er die Verantwortung für die Seminargottesdienste, welche Lehrer und Kandidaten des Praktisch-Theologischen Seminars zur gemein­sa­men Feier von Predigtgottesdienst und Abendmahl zusam­men­führ­ten und den Kandidaten die Gelegenheit boten, ihre Kenntnisse als Prediger und Liturgen zu erpro­ben. Seit 1896 waren dies der schon erwähnte Heinrich Bassermann (bis 1909), sodann Johannes Bauer (1910–1929/31) und Renatus Hupfeld (1931/32–1950); dazu kam als ordent­li­cher Honorarprofessor (seit 1918) der Pfarrer an der Christuskirche und Kirchenrat Otto Frommel (1936 in den Ruhestand getre­ten), den J. Bauer und vor allem der ihm befreun­dete R. Hupfeld (beide standen im „3. Reich“ der „Bekennenden Kirche“ nahe) gern an den Universitätsgottesdiensten betei­lig­ten. Von ihm ging als Prediger wohl die größte Ausstrahlung aus, was außer seiner poe­ti­schen Begabung auch damit zusam­men­hing, daß er unter seinen praktisch-theologischen Kollegen wohl mit der größten Sensibilität und Offenheit auf die bren­nen­den Fragen der Zeit, vor allem die poli­ti­schen und sozia­len, einging[5].

Zur Illustration sei einzig ange­führt, was der im haut­na­hen Kontakt mit der „sozia­len Frage“ im Mannheimer Arbeitermilieu auf­ge­wach­sene, aus dem Weltkrieg völlig ver­nich­tet und zer­schla­gen zurück­ge­kehrte Erwin Eckert (1893 1972), später dann sehr geschätz­ter Seelsorger der Mannheimer Jungbuschpfarrei, Sozialdemokrat, schließ­lich Kommunist, der 1931 (nach einer langen Konfliktgeschichte) unter größtem öffent­li­chem Aufsehen (weit über Baden hinaus) aus dem Kirchendienst ent­fernt wurde, an Studieneindrücken fest­ge­hal­ten hat. Es ist nicht zuletzt ein Echo auf J. Bauer als prak­tisch theo­lo­gi­schen Heidelberger Lehrer. In seinem Brief an seine Braut vom 20.3.1919[6] schreibt E. Eckert u. a.: „… Als ich gestern von Dir ging, war ich voller Freudigkeit. Dann ging ich nach Heidelberg zur Preispredigtkritik. Ich hab, um’s kurz zu sagen, dem Geheimrat Bauer den Zimt vor die Füße gewor­fen … ich war fast rasend …“ Bauer hatte Anstoß genom­men an Eckerts letztem Satz eines Predigtentwurfs, der lautete: „Christus-Arbeit heißt Arbeit für die andern, für die Gesamtheit bis zum letzten Atemzug.“ Eckert fährt fort: „Es ist zum Verrücktwerden. Ich bin auf­ge­fah­ren. Mir war’s, als ob einer giftige Eisen in meinen Körper schlägt überall … Ich bin ganz zer­schla­gen, aber den Spaß mache ich ihnen nicht. Ich werde Pfarrer, und wenn ich’s nicht in der Kirche werde. Ich werde den Menschen pre­di­gen … Es ist so unbe­quem, die Wahrheit zu hören und echtes Leben zu spüren … Es kommt furcht­bar. Sie sehen ja nichts, die Törichten. Der Kampf aller gegen jeden, der Geist der Geheimräte, der ‚ver­gan­ge­nen‘ wert­vol­len Zeit wird nicht ruhen, bis wir auch in Deutschland ein furcht­ba­res Chaos haben, ein fürch­ter­li­ches Gottesgericht über die Verblendeten. Sie wollen ja nicht den ein­zi­gen Weg gehen für das gleiche Recht aller zur Freiheit aller, sie wollen wieder, wie’s war, die Reichen und Besitzenden: Herrschen und Drücken. Besänftigen, wenn’s zu schlimm wird, und Zeter schreien …“[7]

Ihr beson­de­res Gepräge erhielt die Ära Bassermann durch die Gründung des Bachvereins und die Zusammenarbeit mit dem weit über Heidelberg hinaus bekann­ten und ange­se­he­nen Philipp Wolfrum, die der Kirchenmusik auch in den Universitätsgottesdiensten einen ganz hohen Stellenwert sicher­ten. J. Bauer und Wolfrums Nachfolger Hermann Meinhard Poppen, der in Universität, Landeskirche und Stadt glei­cher­ma­ßen enga­giert war, knüpf­ten daran an. Ein Höhepunkt der Ära R. Hupfeld vor Kriegsende war gewiß das 100jährige Jubiläum des Praktisch-Theologischen Seminars 1938, das u. a. mit einem viel­be­such­ten Festgottesdienst in der Peterskirche und einem Festvortrag in der Alten Aula began­gen werden konnte. Die Festpredigt von R. Hupfeld[8] und der Festvortrag von O. Frommel[9] legen bered­tes Zeugnis von der Tapferkeit der beiden prak­ti­schen Theologen ab.

In der Predigt über den Text Joh 15, 5. 8 fehlt auch nur die lei­seste Verbeugung vor dem Zeitgeist, nicht jedoch der Hinweis auf die schwere, kri­sen­rei­che Stunde der Kirche, in der sich die Festgemeinde ver­sam­mele! Es liege „ein schwe­rer Druck“ auf diesem Fest. „Wenn es doch am Tage liegt, daß offen­bar die Kirche, wie man uns immer wieder zuruft“, so es denn um „ihren Beitrag zum Leben des Volks“ geht, „ganz gründ­lich ‚versagt‘, was wollen wir dann noch“? „Als ein äußer­lich Unscheinbarer“, ant­wor­tet der Prediger, „steht der Weinstock, der Eine, den Gott uns zum Lebensspender gesetzt hat, inmit­ten der Welt. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; als Verachteter, Verworfener, zum Tode Verurteilter, Gekreuzigter sehen wir ihn vor uns. Wir hätten ihn viel­leicht gern anders. Heute meinen manche, ihn nur für unser deut­sches Volk retten zu können, wenn sie ihn zu einem Eichbaum umschaf­fen, wenn sie etwas Imponierendes aus ihm machen, das allein einer Welt, die nun einmal am glän­zen­den Schein hängt, ein­leuch­ten kann. Aber es hängt alles daran, daß wir ihn den schlich­ten Weinstock bleiben lassen …“[10]

Im glei­chen Sinne bekennt sich der Festvortrag von O. Frommel beherzt zu dem „starken Umschwung in der Lage der evan­ge­li­schen Theologie“ nach dem (1.) Weltkrieg. Nach der Vorherrschaft der „historisch-kritischen, vom Idealismus stark beein­fluß­ten Denkweise“ um die Jahrhundertwende sei „nun eine Wendung nach der bibli­zis­ti­schen und in der Nachkriegszeit nach der reformatorisch-symbolischen (sc. bekennt­nis­mä­ßi­gen) Seite deut­lich hervor“getreten. Nun „wurde der Einfluß von Lehrern wie Kähler, Schlatter, Heim und Althaus – nach dem Kriege von K. Barth (!), E. Brunner (!), Gogarten (einst selbst Schüler unseres Seminars) immer stärker fühlbar … Man wird wohl sagen dürfen, daß sich unsere Anstalt dem Drängen leben­di­ger Kräfte, wie es sich in dem Aufbruch einer neuen theo­lo­gi­schen Besinnung ankün­digte, zu keiner Stunde versagt hat.“[11] Gegen Ende des Vortrags wird dann aller­dings, kurz und nicht eben beson­ders enthu­si­as­tisch, auf „die große Wende unseres deut­schen Geschickes durch die Errichtung des Dritten Reiches“ Bezug genom­men und die Bereitschaft der Seminarangehörigen erklärt, „mit den ihnen ver­lie­he­nen Kräften am Aufbau eines neuen Deutschland in der Gefolgschaft des großen Führers mit­zu­wir­ken“; indem aber im glei­chen Atemzug auf die „ernsten und z. T. schwie­ri­gen Probleme, vor die unsere Kirche durch den deut­schen Aufbruch gestellt wurde“, abge­ho­ben und als noch offene Frage bezeich­net wird, „wie im neuen Reich eine neue, im refor­ma­to­ri­schen Sinn evan­ge­li­sche, auf Schrift und Bekenntnis gegrün­dete und zugleich von wahr­haft natio­na­lem und sozia­lem Geist erfüllte Kirche erste­hen könne“[12], zeigt sich der Redner bemüht, eine allzu direkte poli­ti­sche Stellungnahme bewußt zu ver­mei­den, und statt­des­sen von dem Gedanken gelei­tet: „Kirche muß Kirche bleiben“, so, wie es schon auf der grund­le­gen­den Barmer Synode der „Bekennenden Kirche“ (Mai 1934) all­ge­meine Über­zeu­gung gewesen war[13]. Daß jedoch die säu­ber­li­che Unterscheidung zwi­schen „kirch­li­chem“ und „poli­ti­schem Widerstand“ am Ende nicht zu halten sei, mag dem Festredner immer­hin bereits gedäm­mert haben.

Dennoch wird man sagen müssen, daß die Universitätsgottesdienste unter Hupfelds Ägide das ver­brei­tete Schweigen in aka­de­mi­schen wie kirch­li­chen Kreisen Heidelbergs (und nicht nur Heidelbergs) über die Untaten des Nationalsozialismus (ein­schließ­lich der durch das Berufsbeamtengesetz und die anti­se­mi­ti­schen Gesetze der Folgezeit her­bei­ge­führ­ten Ausschaltung ras­sisch oder poli­tisch miß­lie­bi­ger Mitglieder des Heidelberger Lehrkörpers in drei Phasen bis 1940 hin) kaum merk­lich durch­bro­chen haben[14].

Es unter­liegt wohl keinem Zweifel, daß bei anderem Kriegsausgang die Geschichte der Theologischen Fakultät in Heidelberg und damit auch die der Universitätsgottesdienste in der Peterskirche keine Fortsetzung gefun­den hätte. In siche­rer Voraussicht dessen bemühte sich deshalb der (poli­tisch ange­paßte) Dekan der Fakultät schon Jahre vorher um eine Umsetzung seiner Professur in die Philosophische Fakultät, aller­dings vergebens[15]. So aber begann nach Ende des 2. Weltkrieges, trotz aller äußeren Schwierigkeiten, für die Fakultät und auch die Universitätsgottesdienste wohl die glanz­vollste Periode ihrer bis­he­ri­gen Geschichte. Eine völlig neue Fakultät wuchs heran, mit in aller Welt klang­vol­len Namen bis zum heu­ti­gen Tag. Und nachdem die durch einen (nicht durch Kriegseinwirkungen, sondern durch einen Kurzschluß her­bei­ge­führ­ten) Dachstuhlbrand ver­ur­sach­ten Schäden, teil­weise in Eigenarbeit von Studierenden und Professoren, nach und nach hatten behoben werden können, nahmen auch die Universitätsgottesdienste einen Aufschwung, mit dem niemand hatte rechnen können. Alle Professoren der Engeren Fakultät, später auch Privatdozenten, betei­lig­ten sich jetzt am Predigtdienst, unter­stützt von dem Studentenpfarrer und dem Rektor des neu­ge­grün­de­ten badi­schen Kandidatenkonvikts (Petersstift). Die Gottesdienste in der Peterskirche waren in der Regel bis auf den letzten Platz besucht. Um den vielen jungen Besucherinnen und Besuchern eine Erinnerung schen­ken zu können, sind ins­ge­samt vier Sammlungen mit Predigten aus dem Heidelberger Universitätsgottesdienst im Druck vor­ge­legt worden[16], dar­un­ter ein Heft mit Predigten aus­schließ­lich des dama­li­gen Studentenpfarrers (Martin Schröter), bevor– und befür­wor­tet von dem großen Alttestamentler, fein­sin­ni­gen Prediger und unbe­stech­li­chen Predigthörer Gerhard von Rad, was zeigt, wie wenig „hier­ar­chisch“ man damals zu denken in der Lage war.

Inzwischen ist vieles pas­siert und auch manches anders gewor­den. Natürlich sind die berüch­tig­ten „68er Jahre“ auch an den Peterskirchengottesdiensten nicht spurlos vor­bei­ge­gan­gen. Einige Male wurden Prediger, die zu „kon­ser­va­tive“ Ansichten zu ver­tre­ten schie­nen, von der Kanzel her­un­ter­ge­schrien und ihre Gottesdienste gesprengt.

Über eine dieser Aktionen, die Sprengung eines von D. Frieder Schulz (damals Rektor des Petersstiftes) gelei­te­ten Gottesdienstes, heißt es in dem Bericht eines Augenzeugen – es ist der inzwi­schen ver­stor­bene, unver­ges­sene Albrecht Peters (31.3.1924–26.10.1987)[17]:

Erinnert wird an eine ungute, ja schreck­li­che Situation …, wenn dies auch kaum ver­narbte Wunden anrüh­ren mag, an jenen unglück­li­chen Sonntag, an welchem F. Schulz von der Kanzel her­un­ter­ge­schrien und sein Gottesdienst gesprengt wurde. Studenten wollten dennoch eigen­mäch­tig Abendmahl halten; da bin ich in die Sakristei gegan­gen, habe den Talar ange­zo­gen und, nachdem die Streitenden aus der Kirche gebeten und die Willigen noch durch Edmund Schlink her­zu­ge­ru­fen waren, das Abendmahl gehal­ten. Dabei mar­kier­ten die Worte zum Friedensgruß präzise die Situation und bekamen für mich neue Leuchtkraft. Es war gut, da die Agende in der Aufregung ver­ges­sen war, sie vom Mittwoch früh her aus­wen­dig spre­chen zu können: „Erkennet euch in dem Herrn/keiner sei wider den andern/keiner ein Heuchler/vergebet, wie euch ver­ge­ben ist/nehmet euch unter­ein­an­der auf, wie Christus euch auf­ge­nom­men hat/zum Lobe des Vaters: Der Friede des Herrn sei mit euch allen!“.[18]

Es hat damals ohne jede Frage Verletzungen – auf meh­re­ren Seiten – gegeben, von denen ich – als Nichtbeteiligter – vermute, daß sie nicht gänz­lich unver­meid­lich waren und nur von beson­ders Hartgesottenen nicht im nach­hin­ein bedau­ert worden sind. Doch ich kann und will – als nicht unmit­tel­bar Beteiligter eben – nicht urtei­len, wohl aber ver­si­chern, daß all diese Zwiste für die­je­ni­gen, die sich heute in der Peterskirche zum Gottesdienst ver­sam­meln, nicht die geringste Rolle mehr spielen.

Das Jubiläum dieser Gottesdienste gibt Anlaß, über ihren Sinn heute und morgen nach­zu­den­ken; nur wo es zu solcher Selbstbesinnung führt, ist es über­haupt berech­tigt, von ihm Notiz zu nehmen. – Was also könnte es für die Heidelberger Universität bedeu­ten, daß – sommers wie winters, während des Semesters wie in den „Ferien“ – Sonntag für Sonntag in der Peterskirche Universitätsgottesdienst gefei­ert wird? Ich will darauf – in Anlehnung an die Predigt von Prof. Dr. Dr. M. Welker im Gottesdienst am 5. Mai d. J. (im Rahmen der dies­se­mest­ri­gen Predigtreihe über das Thema „Suchet der Stadt Bestes [Jer 29, 7]. Vom Auftrag der Christen zwi­schen Himmel und Erde““) – in mög­lichs­ter Kürze wie folgt ant­wor­ten: Aus der Perspektive des christ­li­chen Glaubens heraus kann der Universität – wie der „Stadt“, in der wir leben – von ihren christ­li­chen „Bürgern“ gar kein grö­ße­rer Dienst geleis­tet werden als, daß sie sich von ihnen erin­nern läßt an – das Kommen des Gottesreiches (vgl. Lk 10, 11), an den Anbruch Seiner Herrschaft. Was das heißt: „das Reich Gottes ist nahe her­bei­ge­kom­men“, lehrt am anschau­lichs­ten und bün­digs­ten das Vaterunser (Mt 6, 9–13; Lk 11, 2.3). Gottes Reich kommt da nahe herbei, wo Sein Name gehei­ligt wird und Sein Wille geschieht, nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden; wo das täg­li­che Brot dem zuteil wird, der es braucht, und wo Vergebung der Sünden geschieht; wo man vor Versuchung bewahrt wird und bewahrt und Erlösung von dem Bösen erfährt und erfahr­bar machen hilft.

Man könnte die gestellte Frage auch so beant­wor­ten, daß die tief­grei­fen­den Wandlungen in den Beziehungen von Religion und Wissenschaft mit erfaßt werden. G. Theißen, mein neu­tes­ta­ment­li­cher Kollege und hoch­ge­schätz­ter Mitprediger in den Universitätsgottesdiensten, hat dafür vor Jahren fol­gen­des tref­fende Bild gebraucht: „Einst war die Religion Regierungspartei, die Wissenschaft Opposition. Als Oppositionspartei diente sie einem selbst­be­wußt wer­den­den Bürgertum, sich von den Mächten der Vergangenheit (ein­schließ­lich der Religion) zu eman­zi­pie­ren. Sie brachte die Verheißung eines bes­se­ren Lebens. Der schon lange regie­ren­den Religion wurden dagegen alle Übel der Vergangenheit zuge­rech­net. Inzwischen wurde die Wissenschaft Regierungspartei. Von ihr geschaf­fene Technik und Verwaltungsapparate regie­ren unser Leben von der Geburt bis zum Grab. Nun geht es der Wissenschaft wie jeder lang­jäh­ri­gen Regierungspartei: Sie wird für alle Übel ver­ant­wort­lich gemacht … Die Wissenschaft muß heute in einer Öffent­lich­keit um Anerkennung werben, die dazu neigt, sich von den Grundlagen ihrer eigenen Kultur emo­tio­nal zu dis­tan­zie­ren – von Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und ratio­nel­ler Verwaltung“. Wie könnte ange­sichts dessen die Religion, die im all­ge­mei­nen akzep­tiert hat, daß sie von der Regierungs– auf die Oppositionsbank wech­selte, rea­gie­ren? Sie könnte zum einen in Anbetracht der Zunahme neuer irra­tio­na­ler Strömungen eine „große Koalition“ mit der wis­sen­schaft­lich ver­wal­te­ten Welt ein­ge­hen und sich dabei als bewährte Form anbie­ten, Irrationalität zu domes­ti­zie­ren. Sie könnte sich zum andern „an die Spitze der Oppositionsbewegung gegen die wis­sen­schaft­lich ver­wal­tete Welt setzen und die modi­sche Kritik an Wissenschaft und Technik anfüh­ren. Anstelle einer ‚großen Koalition‘ hätten wir dann eine außer­par­la­men­ta­ri­sche Opposition, die sich darauf berufen könnte, daß sich aus ihren Quellen immer schon der Aufstand der Phantasie, der Sensibilität und Irrationalität gegen die ratio­nal ver­wal­tete Welt genährt hat“. – Mit G. Theißen möchte ich indes­sen für einen „dritten Weg plä­die­ren: Religion sollte in der wis­sen­schaft­lich ver­wal­te­ten“, in unserer „Welt die kon­struk­tive Opposition einer kogni­ti­ven Minderheit sein, die sich ihrer Verantwortung bewußt ist, auch wenn sie nicht in der Regierung sitzt“[19].

Das der Welt der Wissenschaft zu ver­mit­teln, allen, die sie betrei­ben oder doch dabei behilf­lich sind, zu ver­deut­li­chen, darum geht es seit hundert Jahren in den Universitätsgottesdiensten in der Heidelberger Peterskirche; darum wird es auch zukünf­tig gehen müssen.

Erstveröffentlichung in: Heidelberger Jahrbücher 40 (1996), S.235–245 (mit drei Abbildungen), und (ohne die­sel­ben) wieder abge­druckt in: A.M. Ritter, Vom Glauben der Christen und seiner Bewährung in Denken und Handeln. Ges. Aufs. zur Kirchengeschichte, Mandelbachtal-Cambridge 2003, S.243–249.

[1] UAH A 542/11.

[2] Am 30.7.1914; 23.8.1939 nebst Nachtrag vom 3./13.2.1940; 14.6.1952.

[3] Vgl. O. Frommel, Das Heidelberger Praktisch-Theologische Seminar in den hundert Jahren seines bis­he­ri­gen Bestehens, in: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches Seminar der Universität Heidelberg. Zur Erinnerung an die Gedenkfeier am 16. Juni 1938, Heidelberg 1938, 17–49; W. Eisinger, Das Heidelberger Praktisch-Theologische Seminar. „Pflanzschule“ und Seminar für junge Theologen, in: SEMPER APERTUS. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386 1986, hg. v. W. Doerr, Bd. II, Berlin usw. 1985, 29 48.

[4] Zum Text der Eingabe s. o., Anm. 1.

[5] Vgl. dazu auch das ent­spre­chende (kurze) Kapitel bei K.H. Fix, Universitätstheologie und Politik. Die Heidelberger Theologische Fakultät in der Weimarer Republik, Heidelberg 1994 (= Heidelb. Abhandl. z. Mittleren u. Neueren Geschichte, NF 7), 85 92.

[6] Zit. bei F.M. Balzer, Miszellen zur Geschichte des deut­schen Protestantismus, Marburg 1990, 211f. (hier wird der Brief übri­gens auf den 10. März 1919 datiert, anders als in: der­selbe / K.U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert, Köln 1987, 22).

[7] Vgl. auch E. Eckerts ein­drucks­volle bio­gra­phi­sche Einlassung vor dem zweiten kirch­li­chen Dienstgericht am 12.6.1931 (zit. bei F.M. Balzer / K.U. Schnell, Der Fall Erwin Eckert … , 168ff.: „Die Kirche, die Pfarrer schwie­gen. – Das Studium ver­tiefte diesen Eindruck von der Kraftlosigkeit der Kirche und der Theologie den kon­kre­ten Aufgaben des Lebens gegen­über in mir. Der Krieg mit seiner ganzen Grauenhaftigkeit des gegen­sei­ti­gen Mordens, die unge­zähl­ten Nahkämpfe und Todesnähe, die Verantwortung für die von mir zum Sterben Geführten ließen mich in der Tiefe erschre­cken vor der Sinnlosigkeit und der Gottesferne einer Gesellschaft, die den Krieg gera­dezu ver­herr­licht, um der Vorteile willen, die sie sich daraus erhoffte. – Die poli­ti­schen Kämpfe nach dem Krieg, die Revolution, vor allem in Rußland, erschie­nen mir wie ein Gericht von Gott über die faul gewor­dene Ordnung unserer Zeit …“ [169]).

[8] In: Hundert Jahre Praktisch-Theologisches Seminar der Universität Heidelberg (s. o., Anm. 3), 3–16.

[9] s. o., Anm. 3.

[10] A. a. O., 12f.

[11] Ebenda, 44.

[12] Ebenda, 46f.

[13] S. dazu etwa A.M. Ritter, Die Bekenntnissynode zu Barmenn — Epoche oder Episode, in: ZevKR 32 (1987) 518 534. Zu dem nicht gerin­gen, wei­ter­hin aber viel­fach unter­schätz­ten Resistenzpotential, das in diesem Ansatz beschlos­sen liegt, s. das unver­däch­tige Zeugnis A. Rackwitz‘, eines nahen Freundes Eckerts, der in einer Rede auf der sozia­lis­ti­schen Kulturkonferenz am 28.1.1947 in Berlin erklärte: „Es ist voll­stän­dig richtig, daß man einen Fehler begeht, wenn man den Kampf der Bekennenden Kirche als einen poli­ti­schen Kampf oder als einen Kampf gegen den Faschismus ansieht. Das ist er nicht gewesen. Es lassen sich sehr viele und wun­der­li­che Beispiele dafür anfüh­ren, daß die füh­ren­den Männer der Bekennenden Kirche den Nationalsozialismus poli­tisch sehr nahe standen … Dennoch hatte der Kampf der Bekennenden Kirche eine große poli­ti­sche Wirkung aus­ge­übt, und weil ich das sah in einer Zeit, als alle sozia­lis­ti­sche Betätigung in der Öffent­lich­keit unmög­lich war, habe ich mich 1935/1936 auch ent­schlos­sen, in die Bekennende Kirche ein­zu­tre­ten, die die einzige Stelle war, an der Hitler Schiffbruch erlitt. Es gelang ihm nicht, aus der Kirche das zu machen, was er daraus machen wollte. Weithin in der Öffent­lich­keit, auch in der Partei (gemeint ist die kom­mu­nis­ti­sche bzw. die SPD) rückte die Kirche dadurch in ein neues Licht“ (zit. bei G. Jankowski / K. Schmidt, Arthur Rackwitz. Christ und Sozialist zugleich, Hamburg 1976, 23f.). – Dem hat eine kritisch-selbstkritische Kirchengeschichtsschreibung auch im Jahre 1996 im Grunde nichts hinzuzufügen!

[14] Zu Hupfelds poli­ti­scher Einstellung, die diese Zurückhaltung begüns­tigte, s. noch­mals K.H. Fix (s. o., Anm. 5), 185–198.

[15] Vgl. dazu S. Siegele-Wenschkewitz, Die Theologische Fakultät im Dritten Reich. „Bollwerk gegen Basel“, in: SEMPER APERTUS … (s. o., Anm. 3), Bd. III, Berlin usw. 1985, 504–543; hier: 539.

[16] Veröffentlicht in der Reihe: Pflüget ein Neues, H. 8. 11/12.13/14.15/16, Göttingen 1959, 1963–1965.

[17] Vgl. zu ihm jetzt das schöne Porträt von G. Rau in: Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts, Bd. III, hg. v. Chr. Möller, Göttingen 1996, 325–340, sowie meine Gedenkpredigt in: A.M. Ritter, Charisma und Caritas. Aufsätze zur Geschichte der Alten Kirche, Göttingen 1993, 339–342.

[18] A. Peters, Gebetswachen in neuer Gestalt. Über­lie­fe­rung Erfahrung Gestaltung, in: Festschrift für Frieder Schulz. Freude am Gottesdienst, hg. v. H. Riehm, Heidelberg 1988, 428–456; hier: 429.

[19] G. Theißen, Biblischer Glaube in evo­lu­tio­nä­rer Sicht, München 1984, 15f.


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