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Wirtschaftsethik

Großes Kasino nicht geschlossen
Verantwortung für eine zukunfts­fä­hige Weltwirtschaft übernehmen

 

 

 

Auf drei große Herausforderungen für eine zukunfts­fä­hige Weltwirtschaft hat Prof. Dr. Friederike Nüssel, Prorektorin der Universität Heidelberg, zur Eröffnung des 2. Peterskirchen-Dialogs in Heidelberg hin­ge­wie­sen: Die „grüne“ Herausforderung durch den Klimawandel zu einer öko­lo­gisch nach­hal­ti­gen Energieversorgung und Produktionsweise, die Aufgabe einer nach­hal­ti­gen Versorgung und Integration der wach­sen­den Weltbevölkerung sowie eine nach­hal­tige Sicherung der volks­wirt­schaft­li­chen Funktionsfähigkeit, ins­be­son­dere der Funktionsfähigkeit des Finanzsystems. Unter dem Titel „Verantwortung für eine zukunfts­fä­hige Weltwirtschaft“ wurde ins­be­son­dere über das Leitbild „ökologisch-soziale Marktwirtschaft“ als pro­tes­tan­ti­sche Antwort auf die genann­ten Herausforderungen diskutiert.

 

 

 

Praeses Nikolaus Schneider (Foto: R. Stieber)

 

Für ein „grund­sätz­li­ches Mehrgenerationendenken“ in der Wirtschaft sprach sich der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, aus. Bislang seien nur unzu­rei­chende Lehren aus der Finanzmarktkrise gezogen worden. Er habe nicht den Eindruck, dass die Orientierung am kurz­fris­ti­gen Erreichen hoher oder höchs­ter Gewinne inzwi­schen einer lang­fris­ti­ge­ren Orientierung in den DAX-Unternehmen oder auf den Finanzmärkten gewi­chen sei: „Das große Kasino scheint immer noch nicht geschlos­sen zu sein.“

In der voll besetz­ten Heidelberger Universitätskirche betonte er, der christ­li­che Glaube beruhe darauf, dass die Welt mit all ihren Möglichkeiten von Gott ins Leben gerufen und den Menschen anver­traut worden sei. So seien alle mensch­li­chen Aktivitäten treu­hän­de­ri­sches Handeln. „Alle wirt­schaft­li­chen Akteure stehen aus dieser Sicht in einer treu­hän­de­ri­schen Verantwortung für die Schöpfung Gottes – sie sind in dieser Hinsicht stets Mit-Schöpfer Gottes: sie haben mit Teil an der Weiterentwicklung, Neuschaffung dieser groß­ar­ti­gen Welt und stehen letzt­lich vor ihm und natür­lich vor den Menschen in Verantwortung für das, was sie tun.“ Die Kirchen hätten seit ihrem Sozialwort von 1997 immer wieder darauf hin­ge­wie­sen, dass die Idee der Sozialen Marktwirtschaft heute um Gesichtspunkte der öko­lo­gi­schen Verträglichkeit und der inter­na­tio­na­len Gerechtigkeit ergänzt werden müsse. „Wir müssen das der­zei­tig herr­schende Verständnis von Wachstum kor­ri­gie­ren,“ sagte Schneider, „die Abhängigkeit vieler Aktivitäten von diesem Wachstum muss drin­gend redu­ziert werden! Es geht um das Erreichen qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger Ziele, um die Qualität des Lebens auf diesem Globus. Dem ist alles andere nachzuordnen.“

Schneider warb für ein Denken, „das die heute genutz­ten Möglichkeiten immer auch für die kom­men­den Generationen mit durch­denkt“ und das zugleich zurück­hal­tend und offen­siv sein müsse: „Zurückhaltend in der Nutzung der Güter, die für die nächs­ten Generationen erhal­ten bleiben müssen, aber zugleich auch offen­siv darin, für die nächs­ten Generationen bessere Lebensbedingungen, gerech­tere, nach­hal­ti­gere Strukturen, zu schaf­fen, als dies heute der Fall ist.“ Eine auf die Zukunft aus­ge­rich­tete Lebenseinstellung könne nur mit einer zurück­hal­ten­den Nutzung der Ressourcen der Erde ein­her­ge­hen. Auf dieser Grundlage könne man ein nach­hal­ti­ges Wirtschaften betrei­ben, das nicht auf ein Wirtschaftswachstum und auf höchst­mög­li­che Gewinne um jeden Preis aus­ge­rich­tet ist, sondern die robuste Sicherung der Lebensmöglichkeiten der Menschheit als obers­tes Ziel im Blick behalte. „Auf das für alle Menschen lebens­dien­li­che Maß kommt es also an, auch bei den Gewinnerwartungen.“

Verantwortung zu über­neh­men sei für viele gut geführte Unternehmen „Tagesgeschäft“, sagte Dr. Wolfram Freudenberg, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses von Freudenberg & Co (Weinheim). Es gelte die Balance zu finden zwi­schen den unter­neh­me­ri­schen Zielen und den gesell­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen Zielen auf der andern Seite. Selbstverständlich gebe es für globale Unternehmen Zielkonflikte, hier gelte es, auf eine „Vertrauenskultur“ zu setzen und vor­bild­lich als „ehr­ba­rer Kaufmann“ zu handeln. Freudenberg wies darauf hin, dass sich sein Unternehmen zu stren­gen ethi­schen Regeln ver­pflich­tet hätte, diese seien die Leitplanken, um ein Unternehmen in unserer Gesellschaft erfolg­reich zu betrei­ben. Man sei sich sehr wohl bewusst, dass eine Firma „nur in einem sta­bi­len Umfeld selbst stabil bleiben kann“.

In der anschlie­ßen Dialog – kom­pe­tent mode­riert von PD Dr. Georg Lämmlin (Evangelische Akademie Baden) — sagte Schneider, es gelte alter­na­tive Indikatoren für das Wachstum zu finden. Einen Königsweg für eine zukunfts­fä­hige Weltwirtschaft gebe es nicht. Allerdings glaube er gegen allen Augenschein, dass es gelin­gen kann, auf Erden mehr öko­lo­gisch und sozial zukunfts­fä­hige Ordnungsstrukturen durch­zu­set­zen. Dabei gelte es auch, sich aus der Perspektive des christ­li­chen Glaubens gegen Forderungen eines absolut gesetz­ten Marktes zu wehren. Als Dialogbeobachter und als Anwalt des Publikums spitzte Prof. Dr. Hans Diefenbacher (Universität Heidelberg / Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft)den Dialog in einer wei­te­ren Gesprächsrunde noch weiter zu.

Der Peterskirchendialog endete mit einem Abendgebet und einem Empfang in der Universitätskapelle.

Veranstalter des sehr gut besuch­ten Peterskirchen-Dialogs waren mit der Evangelischen Akademie Baden die Evangelische Universitätsgemeinde Heidelberg, die ESG Heidelberg, die Evangelische Akademikerschaft Baden, die Evangelische Stiftung Pflege Schönau, das Evangelische Studienwerk Villigst, die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Heiliggeist-CityKirche Heidelberg, die Theologische Fakultät der Universität Heidelberg, das Theologische Studienhaus und die Wirtschaftsgilde e.V.


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