Leben auf den Tod malen – Ikonen auf Munitionskisten
- 17.05.2024 -
Rückblick auf die Vernissage
Mit einer Vernissage ist die Ausstellung „Leben auf den Tod malen“, bei der Ikonen auf Munitionskisten von dem ukrainischen Künstlerpaar Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko zu sehen sind, am 14. Mai 2024 in der Peterskirche gestartet.
Extra aus Kyjiv war das Künstlerpaar angereist, um die Ausstellung aufzubauen und vorzustellen. Die Arbeiten der beiden Künstler ergänzen sich: Sonia Atlantovas Ikonen sind farbenfroh und verwandeln das Holz der Munitionskisten in bunte, lebensfrohe Quadrate. Oleksandr Klymenko hingegen, der selbst an der Front war und dort die Idee zu dem Projekt hatte, lässt in seinen Ikonen die Rauheit des Holzes stärker hervortreten. Ein besonderes Projekt sind die „Heiligen der Grauen Zone“: Vier etwas größere Ikonen sind in der Peterskirche zu sehen, die direkt in den Kriegsgebieten entstanden – mit den Materialien, die Oleksandr Klymenki vor Ort gefunden hat, wie Asche, Tonscherben, Kalk. Gerade durch die Kombination dieser beiden Ikonenstile kann ihre Botschaft besonders hervortreten: Das Künstlerpaar will die Munitionskisten in lebensbejahende Kunst verwandeln und so ein Zeichen für Glaube und Hoffnung auf Frieden setzen. Seit 2014, seit der Einverleibung der Krim durch Russland, verwenden Sonia und Oleksandr Munitionskisten als Material für ihre Ikonen. Die Ikonen sollen auch zu konkreter Hilfe für die Verwundeten in der Ukraine führen: Das Künstlerpaar unterstützt mit den Spenden und dem Verkauf der Ikonen medizinische Hilfsprojekte und hat auf diese Weise bereits ein ganzes Freiwilligenkrankenhaus und einen gepanzerten Rettungswagen finanziert.
Bei der Vernissage stellten Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko ihr Projekt persönlich vor, was dankenswerterweise durch Bohdan Mostovyi möglich war, der aus dem Ukrainischen ins Deutsche und auch andersherum aus dem Deutschen ins Ukrainische übersetzte. Auf diese Weise konnten die Besucherinnen und Besucher eindrücklich erfahren, welche Bedeutung das Ikonenprojekt sowohl in religiöser als auch karitativer Hinsicht hat. Durch das Programm führte Dr. Elisabeth Maikranz, die die Ausstellung in Form einer Kooperation von Universitätsgemeinde und Ökumenischem Institut der Universität Heidelberg initiiert und organisiert hat.
Universitätsprediger Prof. Dr. Helmut Schwier betonte in seinem Grußwort die Verbundenheit der Universitätsgemeinde mit Hilfsprojekten in der Ukraine wie der ‚Akademischen Initiative Kiew‘ und die Besonderheit dieser Ikonenausstellung. Dabei hob er die in ihnen eingefangene Spannung hervor: Sie sind gerade nicht auf altes, kostbares Holz gemalt, sondern auf Teile von Munitionskisten, die teils noch Nägel, Schrauben und Scharnieren haben. Es ist Holz, das den Tod transportiert. Im Gegensatz dazu steht das Leben, verkörpert in den Heiligen, Aposteln, Engeln und vor allem in Christus, der auch als Auferstandener der Gekreuzigte bleibt und mit den Leidenden leide. Die Spannungen, die in den Ikonen auf Munitionskisten verkörpert sind, sprechen zu den Spannungen, die auch den Kirchraum der Peterskirche kennzeichnen: Unter den Schreiterfenstern in der Universitätskapelle befindet sich das Fenster, das für Leben und Begegnungen steht, neben dem Fenster, das Vertreibung, Gewalt und Tod symbolisiert. Beides gehöre auch zu unserer Geschichte als Universität und Land.
Die Direktorin des Ökumenischen Instituts Prof. Dr. Friederike Nüssel verwies auf die gemeinsame Geschichte der Ost- und Westkirchen, die sich in den frühkirchlichen Ökumenischen Konzilien zeigt. Bereits auf dem Konzil von Nicäa 787 wurden bildliche Darstellung von Jesus Christus, der Gottesmutter Maria und der Heiligen als Ausdruck der christlichen Tradition verstanden, die analog zum biblischen Zeugnis die wahrhafte Menschwerdung Jesu Christi bezeugen sollten. Mit Johannes von Damaskus sprach sie mit Blick auf die Ikonen von „Erinnerungszündstoff“: Die Abbilder sollen gemäß der platonischen Ideenlehre zum Urbild führen und weisen so immer über sich hinaus auf die Heilsgeschichte, für die die abgebildete Person steht. Die Hoffnung, die Friederike Nüssel in den Ikonen entdeckt, deutet sie mit dem Hoffnungsverständnis der französischen Philosophin Corine Pelluchon: Die Ikonen zeigen eine Hoffnung, die nicht vertröste, sondern die Realität ernst nehme. Indem sich in ihnen das Endliche und das Unendliche berühre, könne das Ja zum Leben stärker als die Verzweiflung an der Gegenwart werden.
Der Programmteil der Vernissage endete mit einem gemeinsamen Friedensgebet, das Oleksandr Klymenko auf Ukrainisch und Hochschulpfarrer Dr. Christian König auf Deutsch sprachen. Dabei wurde nicht nur für Frieden in der Ukraine gebetet, sondern Oleksandr Klymenko fügte auch persönlich noch die Bitte hinzu, dass Deutschland nie wieder Krieg sehen möge. Das Gebet war ein besonderes Zeichen für den kulturellen Austausch und die ökumenische Verbundenheit. Im Anschluss gab es ausgiebig Zeit, die religiösen Kunstwerke zu betrachten und weiter mit Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko ins Gespräch zu kommen.