Leben auf den Tod malen | Ikonen auf Munitionskisten

- 22.05.2024 - 

Rückblick auf den Vortragsabend zur Situation der Kirchen in der Ukraine

An einem lauen Mittwochabend ist der Saal im Karl-Jaspers-Haus in der Plöck 66 gut gefüllt. Viele Interessierte sind gekommen, um den Vortrag des Ukrainers Bohdan Mostovyi zur Entwicklung des ukrainischen Christentums zu hören.

Bohdan Mostovyi ist ein ausgezeichneter Kenner der orthodoxen Kirchen in der Ukraine: 2022 war er einer der Delegierten, der die Orthodoxe Kirche der Ukraine bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe vertrat, 2023 war er als ebensolcher Vertreter bei der Vollversammlung der Konferenz Europäischer Kirchen in Talinn, Estland.
 
Dass er sich nicht nur mit der gegenwärtigen Situation der Kirchen in der Ukraine auskennt, sondern auch mit deren Geschichte, macht Bohdan Mostovyi eindrücklich deutlich. Er nimmt seine Zuhörerinnen und Zuhörer durch eine über tausendjährige Geschichte mit, die 988 mit der Taufe der Rus, dem Gründungsdatum des Christentums auch auf dem Gebiet der Ukraine, beginnt. Gehörte die Orthodoxe Kirche zunächst als Kiewer Metropolie zum Patriarchat von Konstantinopel, so kam es 1448 zum Bruch mit Konstantinopel. 1589 wurde die Russische Orthodoxe Kirche mit Metropolit in Moskau schließlich als eigenes Patriarchat bestätigt. Seit 1340 gehörte das Gebiet der Ukraine zu Polen.
Unter dem Druck und der Verfolgung der römisch-katholischen Kirche in Polen bildeten sich im Mittelalter orthodoxe Bruderschaftsschulen, die zu geistlichen Zentren wurden. 1654 wird die Ukraine autonomer Staat, allerdings annektiert das Moskauer Patriarchat die Kiewer Metropolie, indem sie den Kiewer Metropolit wählt. 1722 wird die Kiewer Metropolie ganz in die Russisch-Orthodoxe Kirche einverleibt.
Erst als die Ukraine 1917 mit dem Zusammenbruch des russischen Kaiserreiches wieder autonom wird, wünscht sich auch die Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats ihre Autokephalie. Diese wird jedoch von Konstantinopel abgelehnt und erst 2018/19 erfüllt. Bis dahin gibt es immer wieder Autonomiebewegungen, die allerdings nicht juridisch durchgesetzt werden: 1921 findet ein Allukrainisches Konzil statt, bei dem aber kein Bischof anwesend ist. So wird ein Priester zum Metropolit von Kiew gewählt und die Ukranische Autokephale Orthodoxe Kirche gegründet. In den Folgejahren wird die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche immer wieder verboten bzw. unter den Nazionalsozialisten sogar zwischen 1942-1944 erlaubt. 1990 gewährt das Moskauer Patriarchat die eigenständige Verwaltung, was jedoch zu Streit in der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche und zur Gründung weiterer nicht-kanonischer Gemeinden führt.
Am Anfang des 21. Jahrhundert gibt es schließlich vier orthodoxe Kirchen in der Ukraine: die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchat, die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat, Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche sowie die Ukrainisch griechisch-katholische Kirche. Auf dem Vereinigungskonzil am 15.12.2018 schlossen sich die Ukrainisch-orthodoxe Kirche Kiewer Patriarchat und die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche zusammen. Allerdings wird dieser Zusammenschluss bisher nicht als kanonisch anerkannt und entsprechend als schismatisch verstanden.
Im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sorge die Vielfalt der orthodoxen Kirchen nun zum einen für Spaltung, da die Kirchen zum Teil unterschiedliche Seiten unterstützten. Zum anderen wirke der Krieg aber einigend, da Christen gemeinsam helfen würden.
 
Im Anschluss an den Vortrag gab es eine rege Diskussion über die Geschichte und Gegenwart der Orthodoxie in der Ukraine. Bohdan Mostovyi beeindruckte durch seine strukturierte und umfassende Vorstellung der komplexen Geschichte der orthodoxen Kirchen in der Ukraine und seiner differenzierten Sicht auf die Geschehnisse in seinem Heimatland.
 
Nach dem Vortrag hatte das Publikum die Wahl entweder eine Andacht in der Kapelle des Karl-Jasper-Hauses zu feiern oder die Ikonen in der Kirche zu betrachten.
 
Der Abend endete mit kulturellem Austausch bei einem gemeinsamen Abendessen. Vielen Dank an alle, die diesen Abend kulinarisch und organisatorisch möglich gemacht haben!
Text: Dr. Elisabeth Maikranz