Leben auf den Tod malen | Ikonen auf Munitionskisten
- 29.05.2024 -
Rückblick auf den Vortragsabend zu Ikonentheologie
Rechts und links gerahmt von den Ikonen auf Munitionskisten steht Dr. Dagmar Heller vor einer riesigen Leinwand. Die Referentin für Orthodoxie und Leiterin des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim spricht lebendig über Geschichte, Theologie, Bedeutung und Gebrauch der Ikonen in der ostkirchlichen Tradition. Ihr Vortrag beschließt das kleine Rahmenprogramm der Ausstellung „Leben auf den Tod malen“.
Heller beginnt mit der Geschichte der Ikonen in der sogenannten Konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion unter Kaiser Konstantin wurde. Bildliche Darstellungen wurden damals verwendet, um die Gläubigen zu erreichen. Doch im 8. und 9. Jahrhundert entbrannte ein Streit darüber, ob Christus und damit Gott auf Bildern dargestellt werden dürfe. Auch wenn der Streit erst 843 beigelegt wurde, so war das siebte Ökumenische Konzil von Nicäa 787 eine entscheidende Wegmarke: Hier wurden die bildlichen Darstellungen von Christus, Maria und den Heiligen als Zeugnisse der Menschwerdung des Logos Gottes anerkannt, so sie dem Evangelium entsprechen. Als solche Zeugnisse sollten sie auch Verbreitung finden, da ihnen zugetraut wurde, dass sie die sie Betrachtenden zum Andenken und zum Nachahmen der auf ihnen abgebildeten Personen anregten. Entsprechend werden Ikonen auch nicht angebetet, sondern verehrt: Die Verehrung richtet sich dabei auf die „Urbilder“, die auf den Ikonen abgebildete Person. Mit 787 wird auch deutlich, dass die Christologie im Zentrum der Ikonentheologie steht: Was dargestellt werden darf, ist der menschliche Teil Christi, in dem auch der göttliche anwesend ist. Insofern wird 787 auch als Abschluss der christologischen Streitigkeiten um das Verständnis der Einheit von menschlicher und göttlicher Natur verstanden.
Ikonen haben heute eine vielfache Verwendung: So gibt es in orthodoxen Kirchen sogenannte Ikonostasen – Ikonenwände, die den Altarraum von dem Kirchenschiff abgrenzen. Vor diesen Wänden stehen jeweils die Festtagsikonen, vor denen sich Gläubige bekreuzigen und die zur „Begrüßung“ geküsst werden. Dieser Ehrerweis sei wie eine Begrüßung eines Freundes oder einer Freundin zu verstehen, die anwesend ist. Denn für die Anwesenheit der darauf abgebildeten Personen stehen die Ikonen, die neben diesen Begrüßungsritualen auch mit Verbeugungen und Beweihräucherung verehrt werden.
Theologisch sind die Ikonen in den Gedanken der Theosis, der Vergöttlichung der Menschen, einzuordnen. Athanasius von Alexandrien habe dies pointiert formuliert: „Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch göttlich werde“. Das Ziel der Vergöttlichung und damit der Nähe zu Gott sehen orthodoxe Theologen neutestamtlich belegt, wenn es z.B. in Röm 8,16f. heißt: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, da wir ja mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Die Wiedergewinnung der Ähnlichkeit zu Gott wird zudem schöpfungstheologisch begründet. Denn mit dem Sündenfall sei der Mensch zwar noch Bild Gottes, aber er habe die Ähnlichkeit verloren, die in Gen 1,26f. beschrieben worden war. Diese solle der Mensch durch sein ganzes Leben wiedererlangen. In diesem Zusammenhang werden nun auch die Ikonen wichtig, die wie die Liturgie auch zur Vergöttlichung führen sollen.
An eindrücklichen Beispielen macht Heller schließlich zum Abschluss die Eigenheiten der Ikonen deutlich: Sie gelten als „Fenster zur Ewigkeit“, was für die künstlerische Ausgestaltung bedeutet, dass diese einem klaren Bildprogramm und der Tradition folgt. Ikonenschreibende sind Nachschaffende, denen es nicht um den künstlerischen Ausdruck geht. Damit eindeutig ist, welche Person durch eine Ikone verehrt werden soll, werden Ikonen mit dem entsprechenden Namen beschriftet. Ikonen stehen für die Personen, die sie abbilden und wollen zur Begegnung mit dieser Person führen. Entsprechend werden die Betrachtenden „angeschaut“ und in das Begegnungsgeschehen vonseiten der Ikone involviert.
Im Anschluss an den Vortrag gab es noch eine rege Diskussion über den Anspruch und die Umsetzung der Ikonenpraxis in der orthodoxen Praxis. Dagmar Heller, die auch aus langjähriger Erfahrung mit orthodoxen Gläubigen über ihre Tätigkeit als Referentin für die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung beim Ökumenischen Rat der Kirchen und als Dozentin am Ökumenischen Institut in Bossey verfügt, konnte dazu spannende Einblicke geben.